Langbiografie

Im Januar 1965 wurde ich in eine große, aber sehr zerstreut lebende Familie hineingeboren. Als Kind liebte ich die Natur und verbrachte immer wieder viel Zeit draußen, besonders dann, wenn es drinnen wieder einmal dicht wurde. Später interessierte ich mich zunehmend für fremde Länder und Kulturen.

Als Kind und später als Jugendlicher erlebte ich das Leben durchzogen von Leiden und ich stellte mir die Frage, ob ein Leben ohne Leiden auch möglich sein kann. Wie würde ein solches Leben wohl aussehen? Und: Ist ein leidfreies Leben überhaupt möglich?

Meine Eltern waren auf unterschiedliche Art von den Auswirkungen der beiden Weltkriege und der schweren Zwischen- und Nachkriegszeit geprägt. Ihre eigenen Lebenserfahrungen führten dazu, dass sie mir ein Weltbild vermittelten, das von Angst und Leid bestimmt war. Dies machte mir große Sorgen. Ich hatte große Schwierigkeiten, vertrauensselig in mein Leben hineingehen zu können. Je älter ich wurde, umso bewusster wurde mir, wie viele Lebensbereiche von diesen, von meinen Eltern übertragenen Ansichten betroffen waren. Ich weigerte mich zu akzeptieren, dass mein Leben eine Reproduktion dessen, was meine Eltern gelebt hatten, sein sollte.

So begann ich früh, meine Haltungen, Wahrnehmungen und Überzeugungen kritisch zu untersuchen. Dadurch kam ich zu Erkenntnissen, die sich deutlich von der Lebenseinstellung meiner Eltern, Geschwister oder der Gesellschaft, in der ich lebte, unterschieden.

Etwas in mir wusste, dass es im Leben um etwas anderes gehen kann als um das mir Vorgelebte. Ich spürte einen inneren Druck, der mich in eine andere Richtung drängte. Ich wollte meinen eigenen Weg finden. Doch wie sah dieser aus? Wo beginnen?

Immer wieder tauchte die Frage auf: Welcher Weg ist der richtige und welcher führt mich an den Zielen vorbei, die es für mich zu erreichen gibt? Was kann ich tun, um das Leiden zu verringern oder es aufzulösen?

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Mit 17 las ich, was Shakyamuni Buddha zu diesem Thema zu sagen hatte. Als ich seine einfühlsamen Worte las, wurde mir ganz warm ums Herz. Ich hatte das Gefühl, wirklich verstanden zu werden. Ich fühlte mich ihm mit einem Mal viel näher als meine eigene Mutter es mir jemals war. Seine Weisheit half mir und brachte ein tiefes Gefühl von Sicherheit in mir zum Erwachen.

Andererseits schienen mir seine Worte aber auch groß und übermächtig - ihre volle Bedeutung konnte ich damals noch nicht erfassen. Das wiederum vermittelte mir ein Gefühl der Ohnmacht vor etwas Großem und Unbekanntem, alles umfassendem Etwas. Es zog mich an und flößte mir Respekt ein. Eine andere Art von Respekt als ich ihn bislang kannte -  Ehrfurcht.  

Im Alter von 15 Jahren – für mein Erachten viel zu früh - stellte mich mein Vater vor die Tatsache, dass Schluss mit der Schule ist und ich von nun an für mich selbst sorgen soll.  Also erlernte ich das Tischlerhandwerk, was mich große Überwindung kostete, da ich schon damals viel lieber in die Ferne gereist wäre. Am Ende meiner Lehrzeit angekommen, nahm ich an einer vierwöchigen Gruppenreise nach Nicaragua teil, die mich zutiefst verändert zurückkommen ließ. Von nun an war mir der Weg in ein herkömmlich bürgerliches Leben durch noch mehr nagende Fragen verschlossen: "Was ist die Bedeutung des Menschen auf diesem Planeten? Was macht das Leben mit den verschiedenen Menschen, getrennt durch Kultur, Sprache, Religion und Wirtschaftsstatus? Wie kommt es zu diesen völlig unterschiedlichen Entwicklungen der Völker?"

Ich wurde mir der vielen Gefahren für die Welt und die Menschen bewusst:

Es schien mir wie ein sich endlos drehendes Rad, aus dem es kein Entkommen zu geben schien!

Nach meiner Rückkehr nach Österreich im März 1984 lebte ich erstmals als freier Mensch ohne fixen Arbeitsvertrag - doch nur so lange, bis die Einberufung zum Bundesheer kam. Es war klar: Aus tiefstem Herzen lehnte ich die Waffengewalt des Militärs ab und beantragte daher den Zivildienst in einem Krankenhaus. Im Anschluss arbeitete ich als Tischlergeselle, bevor ich einen zweijährigen Meisterkurs absolvierte, der mich zum Interiour Designer ausbildete und mit der staatlichen Meisterprüfung endete. Da lernte ich meinen ersten Lehrer kennen, lernte von ihm Tai Chi, Qi Gong und Meditation, und bekam so meine ersten direkten Zugänge zur buddhistischen Lehre in praktischer Anwendung und philosophischen Ansätzen. Die Praktiken veränderten erstmals mein Leben durch eine innere Kraft.

Nach der Meisterprüfung kam ich zu der Erkenntnis, dass ein Leben als selbständiger Tischlermeister mit eigenem Betrieb für mich kein erstrebenswertes Ziel mehr darstellte. Ebenso war mir klarer denn je, dass ich keinen Posten in der Wirtschaft anstrebte. Also bewarb ich mich als Betreuer in einem Sozialprojekt für Langzeitarbeitslose und schwer vermittelbare Alkoholiker.

Ich wurde Teil eines jungen Sozialarbeiter-Teams und sah die Hilflosigkeit der Menschen, die wir in unserem Projekt betreuten. Sie sollten im Schnellverfahren so weit gebracht werden, dass sie wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert werden konnten - ohne Rücksicht auf persönliche Bedürfnisse bzw. die Chance auf angemessene Behandlung. Schon bald fragte ich mich, ob meine Arbeit in solch einem Verein wirklich sinnvoll für das Wohl der Menschen ist.

Es drängte mich in die Projektarbeit in Entwicklungsländern - dort sah ich ein geeigneteres Betätigungsfeld. Also bewarb ich mich beim Österreichischen Entwicklungsdienst (ÖED) und wurde für ein dreijähriges Projekt nach Nicaragua verpflichtet.

Dort angekommen, begegnete ich anfänglich unerwarteten Herausforderungen. Aber zumindest hatte ich das Gefühl, sinnvolle Arbeit zu leisten und am richtigen Platz zu sein. Mit zunehmender Dauer wurden mir allerdings  mehr und mehr Beschränkungen bewusst, denen ich und die Menschen, für die ich arbeitete, ausgesetzt waren. Machtmissbrauch im Kleinen und im Großen behinderten unsere Bemühungen.

Es wurde mir klarer denn je, wie wichtig es ist, die Beschränkungen und Barrieren der menschlichen Gesellschaften, die darauf aufbauen, immer kompliziertere Machtverhältnisse zu etablieren, als Individuum zu durchbrechen und aufzugeben. Die Anstrengungen im Außen schienen dazu nicht auszureichen, eine tiefgreifende Verbesserung meines und des Wohles anderer herzustellen.
Ich sah meine Zeit im Entwicklungsdienst zu Ende gehen, da durch diese Art der Arbeit, die Grenzen nicht zu durchbrechen waren, die verantwortlich für das Weiterbestehen und Aufrechterhalten von Leidens-Strukturen sind. Ich musste einen anderen Ansatz suchen, der dafür geeigneter war.


Dieser Abschnitt in der Entwicklungsarbeit eröffnete mir unter anderem eine wichtige Einsicht: Die eigentliche Kraft, die alles trägt, ungeachtet der Belastungen und Anforderungen, denen ich ausgesetzt war, die Kraft, die mich erfüllt und mich in dieser Welt kraftvoll handeln lässt, wird stärker in und durch die Meditation und das Qi Gong. In diesen Disziplinen fand ich in diesen Jahren den Jungbrunnen in mir. So lernte ich im anstrengenden Alltag die spirituelle Praxis schätzen.

Mit dem Ende des Einsatzes in Nicaragua war ebenso ein weiterer Lebensabschnitt zu Ende gekommen und erneut stand ich vor dem Beginn eines neuen, der hoffen ließ, dass die Praxis von Tai Chi, Qi Gong und der Meditation sowie die tieferen philosophischen Aspekte in den Mittelpunkt meines Lebens rücken würden.

In der Zeit nach meiner erneuten Rückkehr nach Österreich verbrachte ich viel Zeit mit meiner Mutter,  übte täglich mehrere Stunden die Tai Chi-Form, Qi Gong und meditierte täglich länger als je zuvor. Bald reiste ich nach Thailand, wo ich ein halbes Jahr verbrachte. Ich bekam den Eindruck, hier mehr inneren Frieden als je zuvor erleben zu können, übte mich in der Kunst der Nuad Bo Rarn, im Tai Chi und entdeckte tiefere Bereiche der Meditation.
Mein Leben teilte sich nun in ein unwesentliches Leben und ein immer wesentlicher werdendes Leben der Spiritualität.
Zurück in Österreich begann ich also Tai Chi-Kurse zu leiten und bot Nuad-Behandlungen an.


Im Sommer 1996 traf ich Lama Löpon Tzechu Ripoche, Kathmandu, aus der tibetisch-buddhistischen Kagyü Tradition. An diesem Abend veränderte sich mein Leben. Ich suchte tief bewegt Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha.
 
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Nur wenige Tage später, begegnete ich Seiner Heiligkeit dem 14. Dalai Lama, der zu einer Konferenz unter dem Titel „Toleranz“ mit anderen Vertretern der in Österreich ansässigen Kirchen in die Kasematten auf den Schlossberg in Graz geladen war.  Er berührte mein Herz und meinen Geist tief und führte meinen Geist in eine noch nie da gewesenen Schärfe und Klarheit. Es war eindeutig und klar, dass ich ihm folgen, von ihm lernen und mein bisheriges Leben in Österreich beenden musste. Damit begann ein neues Kapitel in meinem Leben.

Drei Monate später verließ ich Graz Thalerhof in Richtung Delhi, mit 6 kg Gepäck und der Gewissheit, mit dem Leben in Österreich abgeschlossen zu haben.

In Indien angekommen, durchlief ich erstmals mehrere Reinigungen und begann das Dharma von  Seiner Heiligkeit Dalai Lama zu studieren. Die tiefste Reinigung erfuhr ich, als ich erstmals am Ort der Erleuchtung Shakymuni Buddhas eintraf. Die Welt blieb stehen. Ich wusste, ich war nach einer langen Zeit und mehreren Umwegen zu Hause angekommen. Alles Leiden fiel von mir ab und große Glückseligkeit durchflutete mich.

Es folgten Begegnungen mit Ajang Rinpoche, Gesche Dawa, Gesche Sonam Rinchen und westlichen sowie tibetischen Mönchen. So verbrachte ich die Jahre zwischen Dharamsala, Bodhgaya und Kathmandu, meinen Geist bezähmend, praktizierend, das Dharma studierend und mehrere mehrmonatige Rückzüge in der tibetischen Tradition abhaltend.


Seit 1999 erhielt ich regelmäßig Einladungen nach Australien und nach Kanada, bei deren Aufenthalten ich Menschen auf dem Weg zum Dharma begleiten, Behandlungen für Kranke machen und viele neue Freunde gewinnen durfte.

Seit dem Jahr 2004 komme ich aus familiären Gründen regelmäßig nach Österreich und teile seither meine Zeit zwischen Indien und Österreich, meine Studien weiter verfolgend und Kurse und Seminare in Österreich anbietend.

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