Erklärung Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zum 48. Jahrestag des Tibetischen Nationalen Volksaufstands am 10. März

Namo Buddha
Anlässlich des 48. Jahrestags des friedlichen tibetischen Volksaufstands in Lhasa, 1959, widme ich all jenen Tibetern, die für die Sache des tibetischen Volkes gelitten und ihr Leben geopfert haben, meine Gebete und spreche ihnen meine Hochachtung aus. Ich möchte auch denen, die gegenwärtig unter Repression und Gefangenschaft leiden, meine Solidarität aussprechen.

Im Jahr 2006 wurden wir Zeugen positiver wie auch negativer Veränderungen in der Volksrepublik China. Einerseits verschärfte sich die harte Linie durch eine Schmähkampagne gegen uns und - was noch viel beunruhigender ist - die politischen Restriktionen und Repressionen in Tibet wurden verstärkt. Andererseits sahen wir in China selbst eine gewisse Verbesserung hinsichtlich der Meinungsfreiheit. Ins–besondere unter den gebildeten Chinesen wächst das Bewusstsein dafür, dass materieller Fortschritt allein nicht ausreicht und eine sinnorientierte, auf geistige Werte gegründete Gesellschaft geschaffen werden muss. Die Erkenntnis, dass das gegenwärtige System nicht zum Aufbau einer derartigen Gesellschaft taugt, gewinnt immer mehr an Boden; das Ergebnis davon ist, dass religiöser Glaube im Allgemeinen und das Interesse am tibetischen Buddhismus und tibetischer Kultur im Besonderen zunimmt. Ferner gibt es viele Menschen, die den Wunsch äußern, dass ich eine Pilgerfahrt nach China unternehmen und dort Unterweisungen erteilen solle.

Präsident Hu Jintaos wiederholter Ruf nach einer harmonischen Gesellschaft ist lobenswert. Die Basis, auf der eine solche Gesellschaft verwirklicht werden kann, ist die Bildung von Vertrauen unter den Menschen; dieses wiederum kann nur entstehen, wenn Meinungsfreiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung herrschen. Deshalb ist es wichtig, dass die Entscheidungsträger auf allen Ebenen dies nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch danach handeln.

Was unsere Beziehungen zu China betrifft, so haben wir etwa seit 1974, als uns die Unabwendbarkeit einer Gelegenheit bewusst wurde, irgendwann mit China in einen Dialog einzutreten, Vorkehrungen getroffen, eine echte, alle Tibeter vereinigende Autonomie zu erzielen, so wie sie die chinesische Verfassung vorsieht. 1979 erklärte Chinas Spitzenpolitiker Deng Xiaoping, dass, mit Ausnahme der Unabhängigkeit, alle anderen Tibet betreffenden Fragen durch Verhandlungen gelöst werden könnten. Da dies im Einklang mit unserer Haltung stand, wählten wir die für beide Seiten vorteilhafte Politik des Mittleren Wegs. Seit damals, seit 28 Jahren also, haben wir beständig und aufrichtig diese Politik ver–folgt, die nach eingehender Diskussion und Analyse der Gegebenheiten konzipiert wurde mit dem Ziel, sowohl die unmittelbaren und langfristigen Interessen der Tibeter und der Chinesen als auch die friedliche Koexistenz in Asien und den Schutz der Umwelt berücksichtigt. Diese Politik wird von vielen pragmatisch gesinnten Tibetern innerhalb und außerhalb Tibets sowie von vielen Staaten gutgeheißen und unterstützt.

Der wichtigste Grund für meinen Vorschlag einer echten nationalen Regionalautonomie für alle Tibeter ist der Wunsch nach Verwirklichung wahrer Gleichberechtigung und Einheit von Tibetern und Chinesen, durch Beseitigung des Groß-Han-Chauvinismus ebenso wie des Lokal-Nationalismus vor Ort. Gegenseitige Hilfe, Vertrauen und Freundschaft zwischen den beiden Nationalitäten trägt zur Stabilität des Landes, zum Erhalt der reichen tibetischen Kultur und Sprache bei, die auf einem soliden Gleichgewicht zwischen spiritueller und materieller Entwicklung basiert, zum Wohle der gesamten Menschheit.

Zwar garantiert die chinesische Verfassung den nationalen Minderheiten nationale Regionalautonomie. Das Problem jedoch ist, dass dies nicht vollständig umgesetzt wird und deshalb seinen erklärten Zweck – Erhaltung und Schutz der besonderen Identität, Kultur und Sprache der nationalen Minderheiten - verfehlt. In der Realität sieht es so aus, dass sich Angehörige der größeren Nationalität in großer Zahl in den Minderheitengebieten ausbreiten. Dadurch sind die Minderheitennationalitäten nicht mehr in der Lage, ihre eigene Identität, Kultur und Sprache zu bewahren, denn es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich in ihrem Alltagsleben der Sprache und den Sitten und Gebräuchen der größeren Nationalität anzupassen. Somit besteht die Gefahr, dass die Sprachen und die reichen Traditionen der nationalen Minderheiten allmählich aussterben.

Gegen infrastrukturelle Entwicklungen wie die Eisenbahn ist an und für sich nichts einzuwenden. Es gibt jedoch Anlass zu tiefer Besorgnis, dass Tibet seit der Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie einen weiteren Anstieg der chinesischen Zuwanderung, der Schädigung seiner Umwelt, der Verschwendung und Ver–schmutzung seiner Gewässer und der Ausbeutung seiner Naturschätze erlebt - alles Faktoren, die verheerende Auswirkungen auf das Land und die Menschen, die dort leben, haben.

Obwohl es unter den nationalen Minderheiten durchaus gebildete und kompetente Mitglieder der Kom–munistischen Partei gibt, ist es bedauerlich, dass nur sehr wenige von ihnen in Führungspositionen auf nationaler Ebene berufen werden, und einigen wird gar das Etikett „Separatist" angehängt. Um sowohl den großen und den kleinen Nationalitäten als auch der Zentralregierung und den Lokalregierungen wahren Nutzen zu bringen, sollte eine Autonomie gewährt werden, die diesen Namen auch verdient. Da eine derartige Autonomie für die nationalen Minderheiten vorgesehen ist, ist die Forderung nach einer einzigen Verwaltungseinheit für die gesamte tibetische Nationalität aufrichtig, ge–recht und einsichtig. Die ganze Welt weiß, dass wir keine verborgenen Pläne verfolgen. Daher ist es die heilige Pflicht aller Tibeter, unseren Kampf für die Erfüllung dieser berechtigten Forderung fortzusetzen. Ganz gleich wie lange es dauert, unser Mut und unsere Entschlossenheit werden nicht nachlassen, bis unser Streben von Erfolg gekrönt sein wird. Der Kampf des tibetischen Volkes ist nicht ein Kampf um den Status einiger weniger Tibeter, sondern es ist der Kampf eines Volkes. Wir haben die tibetische Administration und die Gemeinschaft im Exil bereits in ein wirklich demokratisches System umgewan–delt, in dem Führungspersonen nacheinander vom Volk selbst für das Volk gewählt werden. Auf diese Weise haben wir eine tief verwurzelte und dynamische gesellschaftliche und politische Institution geschaffen, die unseren Kampf von Generation zu Generation forttragen wird. Am Ende werden die end–gültigen Entscheidungen in demokratischer Weise vom Volk selbst getroffen.

Seit der Wiederaufnahme von direkten Kontakten zwischen den Tibetern und Chinesen 2002 haben meine Repräsentanten fünf Runden umfassender Gespräche mit den zuständigen Regierungsvertretern der Volksrepublik China geführt. Bei diesen Gesprächen konnten beide Seiten ihren Argwohn, ihre Zweifel und die konkreten Probleme, die zwischen den beiden Seiten bestehen, in deutlicher Sprache äußern. Diese Gesprächsrunden haben dazu beigetragen, einen Kommunikationsweg zwischen den beiden Seiten zu schaffen. Die tibetische Delegation steht bereit, die Gespräche fortzusetzen - zu jeder Zeit, an jedem Ort. Der Kashag wird in seiner Verlautbarung Einzelheiten dazu mitteilen.

Ich grüße all jene Tibeter in Tibet - Mitglieder der Kommunistischen Partei, Führungskräfte, Staatsbeamte, Fachleute und andere - die dem Geist Tibets treu geblieben sind, indem sie ihre Arbeit für die wahren Belange des tibetischen Volkes unermüdlich fortsetzen. Ich versichere sie meiner tief empfundenen Bewunderung für ihren großen Mut, dem Volk von Tibet mit ganzer Kraft zu dienen. Ich möchte auch meiner Bewunderung für die Tibeter in Tibet Ausdruck verleihen, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz bemühen, die tibetische Identität, Kultur und Sprache zu erhalten und die sich mit unerschütterlichem Mut und Entschlossenheit dafür einsetzen, die Hoffnungen des tibetischen Volkes Wirklichkeit werden zu lassen. Ich bin zuversichtlich, dass sie sich weiterhin mit Hingabe und Engagement für unsere gemeinsame Sache einsetzen werden. Ich bitte alle Tibeter innerhalb und außerhalb Tibets eindringlich, vereint auf eine sichere Zukunft hinzuarbeiten, die auf Gleichberechtigung und Harmonie der Nationalitäten beruht.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um dem Volk und der Regierung Indiens von ganzem Herzen für ihre nicht nachlassende und beispiellose Großzügigkeit zu danken und für die Unterstützung, die sie uns gewähren. Ich danke auch all den Regierungen und Menschen in der internationalen Gemeinschaft für ihren Einsatz für Tibet und ihre Unterstützung für die tibetische Sache. Mit meinen Gebeten für den Frieden und das Wohlergehen aller Lebewesen.

Der Dalai Lama

10. März 2007
   
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