Lange Niederwerfungen

 

In erster Linie dienen Niederwerfungen dazu, um Stolz zu minimieren, um das Ego „auszuwaschen“ (wie Wasser  den Stein „höhlt“). Niederwerfungen sind somit weder Yoga- noch sportliche Fitnessübungen, wohl aber Übungen mit Körper, Rede und Geist, um Positionen zu klären, und zwar meine Position in Relation zur Position der Buddhas und Bodhisattvas. Da besteht ein ziemlich großes Gefälle, was die Realisationen betrifft. Wir werfen uns  nieder – nicht deshalb, weil sie zu vergöttern wären, oder sie meine Anbetung wünschen oder erwarten würden -, sondern weil sie der Wertschätzung würdig sind und somit auch meiner. Die Wertschätzung zu entwickeln und sodann die Richtigstellung der eigenen Position in Relation zu schaffen, erzeugt das Karma, das wir brauchen, um anderen dienen zu können. Wenn ich mich einem „Großen“ nähere, ist eine demütige Haltung angebracht, ist sie die richtige Haltung (vgl. Harry Potter und die „richtige“ Annäherung an den großen Vogel, auf dem er fliegen will). Sollte es aus irgend einem Grund nicht möglich sein, lange Niederwerfungen zu machen (z. B. gesundheitlich oder platzbedingt), so sind auch kurze Niederwerfungen angemessener Ersatz. Der Buddha lobte die Niederwerfungen als Praxis hoch und sprach von großen Verdiensten, die auf diese Weise angesammelt werden könnten (z. B. im Ganda-vyuha Suttra). Daher ist es wichtig, die richtige Geisteshaltung und Motivation entstehen zu lassen - vor und während der Niederwerfungen. Auch angemessene Bekleidung ist erforderlich. Die Buddhas werden eingeladen zu kommen, da ist es nicht hilfreich, wenn man z.B. den Oberkörper nicht bedeckt (weil es vielleicht heiss wird) oder sich unkonzentriert verhält.

 

Art und Weise, wie Niederwerfungen gemacht werden

 

Machen wir uns bewusst, dass wir in diesem Körper grundsätzlich die Leidensstrukturen in uns tragen, dass der Körper an Samsara gebunden und daher nicht frei von Leiden ist. Die samsarische Wahrnehmung erfolgt über die fünf Sinneskanäle sowie die verblendeten Geisteshaltungen und Unwissenheit (Ignoranz). Um diese Wahrnehmungen und samsarischen Bedingungen zu läutern, zu reinigen, machen wir Niederwerfungen.

 

Daher stellen wir  uns vor, dass diese fünf unreinen Sinne durch die zwei Hände, die zwei Knie und die Stirn repräsentiert/symbolisiert werden. Die Berührung dieser fünf „Punkte“ mit dem Boden versinnbildlicht die Übergabe der verblendeten, leidvollen Wahrnehmungen/ Geistesstrukturen.

 

Wenn man die Hände vorne, vor dem Kopf ausgestreckt hat, hebt man sie mit den Handflächen nach oben an und bringt dem Buddha das „Juwel“ aus dem Samsara dar und bittet Buddha, es anzunehmen. Beim darauf folgenden (raschen) Aufstehen visualisieren wir, dass Buddha die Darbringungen annimmt und wir von dem, von ihm ausgehenden weißen Licht aus dem Samsara gehoben werden

 

„Juwel“ des Samsara ist all das Gute, das wir aus dem Samsara sammeln können, das was an Samsara gut (nicht perfekt!)  ist: Freude, Reichtum, Entwicklungsmöglichkeiten, Emotionen. Weil wir einen Körper haben und damit wir ihn auch verfeinern, ist das, was wir an Potenzial haben, ein Juwel. Und das bringen wir dar und stellen uns vor, dass alles Unreine in den Boden sinkt.

 

 

Durchführung

 

Zufluchtnahme: Am Beginn visualisieren wir Buddha (oder das Verdienstfeld bei anderen Praktiken) und bitten, mit den Statuen und Abbildungen auf unserem Altar eins zu werden  und nehmen sodann Zuflucht zu den drei Juwelen.

 

Je stärker und kraftvoller der Altar bzw. die Präsenz am Altar ist, desto klarer/stärker wird das positive Karma, das angesammelt wird durch die (Visualisierungen) die Niederwerfungen bzw. durch die Praxis (das gilt natürlich auch umgekehrt: es kann auch negatives Karma verstärkt angesammelt werden.)

 

Die Füße stehen parallel nebeneinander (nicht ganz beisammen) und schauen geradeaus zum Altar/Buddha. Mit den gefalteten Händen (Daumen an die Innenseite der Handkante gelegt) visualisieren wir den Wunsch erfüllenden Juwel (die eine Hand = Mitgefühl, die andere Hand = Weisheit). Mit diesem Wunsch erfüllenden Juwel segnen wir die Tore, indem wir sie der Reihe nach mit den Händen berühren: Ushnisha/Bahui (über dem Kopf, das ist der höchste Punkt: wenn man das Karma erzeugen möchte, ein Buddha zu werden), die Stirn, den Hals/Kehlkopf, die Brust/das Herz (Körper, Rede, Geist). Wir halten jeweils kurz an, stellen uns vor, dass die Stellen gesegnet werden und bringen das Unreine aus den jeweiligen Bereichen dar.

 

Die Niederwerfung beginnt

- mit der Berührung des Bodens mit den Händen,

- dann mit den Knien,

- danach greifen (oder schlittern) die Hände nach vor bis

- der ganze Körper auf dem Boden liegt

- die Arme sind ganz nach vorne vor den Kopf ausgestreckt und

- durch das Heben der Hände mit den Handflächen nach oben bringen wird das Juwel dar,

- wodurch wir aus dem Samsara gehoben werden und rasch aufstehen.

 

Während der Niederwerfung spricht man im Geist die Segens- und die Zufluchtsformel. Je nachdem, zu wem wir uns wenden, kann hier ein anderer Inhalt die Zuflucht ersetzen. Durch das Mitsprechen wird die Konzentration an den einzelnen Punkten gesammelt, wodurch wir die Aufwärtswinde verstärken. Doch Achtung: am Anfang nicht mehr als 100 Niederwerfungen machen, sonst geschieht dieser Prozess zu rasch (und kann krankmachend werden). Die Anzahl der Niederwerfungen also langsam steigern.

 

Die Niederwerfungen gehören zu den Preliminaries im Tantrischen Buddhismus. Macht man ein Set von 100.000 (+10%) Niederwerfungen, so macht man es innerhalb von ca. 3 Monaten und bleibt ohne Unterbrechung des Rhythmus an dem gewählten Ort, ohne ihn zu verlassen oder andere Dinge dazwischen zu erledigen.

 

Nachdem man zumindest das erste Set von 100.000 Niederwerfungen absolviert hat, ist es gängig, dass man am Anfang von weiteren Niederwerfungen die ersten drei vollständigen Niederwerfungen mit dem Manjushri-Mantra macht, welche die Qualität des Sets wiederum erzeugt und dadurch wirken diese wie 100.000 Niederwerfungen!

 

Das Manjushri-Mantra, das verwendet wird, hat eine multiplikatorische Wirkung und lautet:

Om namo Manjushriye, namo sushriye, namo uttamashriye svaha".

(Om, ich verneige mich vor Manjushri, ich verneige mich vor dem Prächtigen, dem höchsten Ehrwürdigen, svaha) 

 

(Schnelle Ausführung erfolgt, weil man besser in den Fluss hineinkommt und das trägt dann besser. Bei zu langsamer Ausführung wird der Körper auf die Dauer stark angespannt, ein etwas schnellerer Rhythmus ist daher zu empfehlen.) Wenn Visualisierung und körperliche Bewegung deutlich werden, erfolgt das Aufstehen „wie von selbst“-  mit der Vorstellung, aus dem Samsara gehoben zu werden - man braucht nur mehr ein wenig mit den Händen mitzuhelfen.

 

Auch bei alltäglichen Tätigkeiten kann folgendes angewandt werden:

Um bestimmte „Hindernisse“ zu verringern/zu beseitigen, stellt man sich z. B. beim Staubwischen vor, dass man Stolz entfernt durch das Entfernen der Staubpartikel. Das geht natürlich auch beim Geschirrabwaschen mit allen möglichen Behinderungen/Unreinheiten/ Negativitäten/negativen Emotionen wie Hass oder beim Waschen der Wäsche mit der Vorstellung, dass die Wäsche zunächst voll ist von samsarischen Anhaftungen und nach dem Waschen ist sie frisch, neu und ohne Anhaftungen, weil alles Unreine weggeschwemmt wurde. Das hilft dem Geist, die negativen Haltungen zu entfernen.

 

Alles, was man (konsequent) macht, wird seine Wirkung zeigen!